Ein alemannisches Fasnachtslied als Hochzeitsgeschenk
Elke Reinauer reist seit 2010 regelmäßig nach Namibia und wurde zu einer Ovambo Hochzeit eingeladen. Dieses Erlebnis schildert sie euch in diesem Gastbeitrag!
Wir sind bei einer Ovambo-Hochzeit eingeladen! Wie es dazu kam und wie eine traditionelle Hochzeit im Norden Namibias abläuft, lest ihr in meinem Bericht. Seit ich 2015 ein Praktikum bei der Allgemeinen Zeitung in Windhoek absolvierte, reise ich regelmässig nach Namibia – auch um mein soziales Projekt Creabuntu in Katutura zu begleiten.
Inhalt
Eine Ovambo Hochzeit in Namibia
Zu einer Hochzeit eingeladen zu werden, ist eine Sache. Bei einer Ovambo-Hochzeit im Norden Namibias dabei zu sein – das ist eine andere. Mein Mann Martin und ich haben uns erkundigt, was wir schenken sollen uns so gut wie möglich vorbereitet: Doch was mich diese Erfahrung lehren würde, darauf war ich nicht vorbereitet.
Ankunft in Ondobe, einer grösseren Stadt im Norden Namibias. Hier ist der vereinbarte Treffpunkt. Die Braut ist gerade noch beim Friseur – das kann dauern. Bei der Tankstelle wuselt es vor Menschen, die Sonne knallt. Wir sind mit einem gemieteten Hilux mit Dachzelt unterwegs und haben den Auftrag, einen Cousin der Braut ins Dorf mitzunehmen. Booma wartet schon mit einer riesigen Musikbox im Schatten eines Baumes. Er ist der «Master of Ceremony» und wir geben ihm einen Lift. Wenn wir dachten, das war es, täuschen wir uns: Elisabeths Freunde, Cousins – jeder will mitfahren. In unserem Hilux wird es voll, als sich vier Menschen und eine Musikbox auf die Rückbank zwängen.

Seit zehn Jahren bin ich in Namibia unterwegs und leite in Katutura, dem Township von Windhoek, ein soziales Projekt. So habe ich hier viele Freunde gefunden – darunter Elisia, eine Künstlerin, deren Schwester Elisabeth heute heiratet. Weil wir die beiden vor einem Jahr schon einmal in diesem Dorf besucht haben, kennen wir inzwischen auch ihre Eltern. Elisabeth hat sieben Geschwister; es ist eine grosse Familie mit vielen Verwandten.
Wir fahren aus Ondobe hinaus, über eine Landstrasse, immer wieder halten wir an, um Herden von Ziegen passieren zu lassen. Wir biegen auf eine Schotterpiste und schliesslich auf einen Sandweg ein. Martin lässt etwas Luft aus den Reifen, dann schaukelt unser Auto wie ein Schiff über den Sand. Links und rechts Büsche und Bäume, keine Spur von Zivilisation. Die Ovambo sind die grösste Volksgruppe Namibias und leben im Norden des Landes – in einer Gegend durchzogen von Sand, grossen Marulabäumen und silbergrünen Palmwäldern. Rinder und Ziegen weiden am Strassenrand, das Leben ist geprägt von Landwirtschaft. Im Kraal der Familie, umzäunt mit Holzpalisaden, stehen strohgedeckte Hütten; Hühner, Ziegen und Rinder gehören dazu, auf den Feldern wächst Mahango, Perlhirse.
Ankunft im Kraal
Es ist schon Nachmittag, und gleich sollen Rinder geschlachtet werden. Alle sind angereist – mit Kind, Kegel und je einem Rind pro Familie. Rund um den Kraal haben sie ihre Camps aufgebaut: grosse Partyzelte, in denen kleine Zelte stehen. Wir campen in der Nähe von Elisabeths Tante Funny, die sich freut, uns wiederzusehen.

Wir haben kaum Zeit, uns einzugewöhnen, als es losgeht: Die Rinder werden von einem San-Mann aus der Nachbarschaft, einem erfahrenen Jäger, mit einem Gewehr erlegt. Dann werden die Tiere rasch von vielen Händen zerlegt, das Fleisch an Haken unter Zeltplanen aufgehängt, die Feuer zum Grillen entzündet. Die Tiere sind ein Geschenk an die Braut von jedem Rind bekommt sie ein Stück, der Rest geht an die Gäste. Jede Familie, die angereist ist, erhält Fleisch fürs Abendessen. So auch wir. Wir dürfen uns Stücke aussuchen – und es wird erwartet, dass wir sie selbst zerlegen, kleinschneiden und über dem Feuer grillen. Zum Glück hilft uns Booma. Denn es ist bereits dunkel, es gibt keinen Strom, und wir tappen mit Stirnlampen ums Fleisch herum. Ein eigenes Feuer haben wir auch keins, aber Tante Funny und Booma teilen ihres gerne mit uns.
Weder die Braut noch meine Freundin Elisia haben Zeit, uns Abläufe zu erklären. Es heisst einfach: Kommt und macht mit. Alles im Sand. Ich bin müde und erschöpft von den vielen Eindrücken. Doch das Fleisch schmeckt köstlich – so frisches habe ich noch nie gegessen.
Gesang und Freudenschreie der Frauen ertönen den ganzen Tag und die ganze Nacht. Eine Gruppe Männer besingt die Braut, während sie auf einem Stuhl sitzt und keine Miene verzieht. Der Bräutigam trifft erst morgen ein.
Der Hochzeitstag
Morgens weckt uns Gesang und Trommeln. «Penduka» – wach auf – ruft ein Mann vor unserem Auto. Als ich den Kopf aus dem Dachzelt stecke, dämmert gerade ein neuer Morgen über dem Ovambodorf. Ein Feuer brennt im Kraal schon, Menschen kochen, die letzten Vorbereitungen laufen. Heute soll es in die Kirche gehen.
Elisabeths Tante, die mit vielen Verwandten angereist ist, nimmt uns unter ihre Fittiche. Bei ihr im grossen Partyzelt frühstücken wir: Fleisch und Papp, den typischen Maisbrei. Sie wird auch in der Kirche für uns übersetzen.
In der Kirche werden Elisabeth und ihr Mann Gideon getraut. Sie liegt eine halbe Stunde entfernt, der Sand ist tief. Nur dank Vierradantrieb schaukelt unser Pick-up wie ein Schiff durch die Spurrillen. Vor uns fährt der Toyota mit der Braut, den Trauzeugen, Brautjungfern und Gästen in blauen Abendkleidern, sie drängen sich auf der Ladefläche. Es ist eine kleine Truppe. Die Frauen im Dorf kümmern sich um das Essen, die Männer sitzen beieinander, die anderen Gäste bleiben in ihren Camps. Kirche ist wohl nicht so beliebt und wir erfahren bald, warum.

Die Kirche besteht aus einem einfachen Haus mit Wellblechdach und Kreuz an der Wand. Kaum haben alle Platz genommen, schimpft die Pfarrerin lautstark: weil die Männer die Hüte nicht abgenommen haben, weil das Brautpaar die Stühle für die Trauung vergessen hat, weil Elisabeths Tante für uns übersetzt und deshalb mit uns tuschelt. So eine strenge afrikanische Pfarrerin habe ich noch nie erlebt – es kommt einem fast vor, als wäre eine Missionarin erschienen, um die «Wilden» zu belehren. Das allgemeine Aufatmen, als die Trauung vorbei ist, ist spürbar. Danach hält jeder, der etwas sagen möchte, eine Rede – Tante, Onkel, Cousin… Am Ende haben wir fünf Stunden in der Kirche verbracht.

Fasnachtslied im Ovambodorf

Als Geschenke haben wir Geld, eine Pfanne und ein paar geräucherte Bratwürste mitgebracht. Und weil viel gesungen wird, tragen wir ebenfalls ein Lied vor: ein alemannisches Fasnachtslied, in dem es um Würste und Heiraten geht. Martin hat sich das als kleinen Gag überlegt, wir bringen ein Stück unserer Kultur mit. Die Gäste stehen im Kraal in einem Halbkreis um uns herum, das Brautpaar sitzt vor uns. Die Reaktion: Jubelrufe. Elisabeth hat keine Miene verzogen – aber das hat sie den ganzen Tag über nicht. Booma sagt uns hinterher, er hätte uns gerne mit genau diesem Auftritt auf seiner eigenen Hochzeit.
Im Festzelt ist das Büfett aufgebaut: Plastikstühle in weissen Hussen, Tische mit Tischdecken und Plastikblumen. Ein Band müssen die Brautleute durchschneiden, um einzutreten. Doch nur eine kleine Gruppe nimmt an den Tischen Platz, der Rest singt, trommelt und isst an den Lagerfeuern. Weil es dunkel wird und keinen Strom gibt, essen wir im Dunkeln: Grillfleisch, Kartoffelsalat mit Unmengen Mayo, Gemüse, Reis und Pasta. Bald sitzen auch wir wieder am Feuer, lauschen dem Gesang und den Trommeln. Ein Generator treibt einen riesigen Lautsprecher an, aus dem Musik dröhnt. So geht es die ganze Nacht. Doch weil wir hundemüde sind, schlafen wir trotz des Lärms vor Mitternacht ein.
Was bleibt
Die Hochzeit dauert insgesamt fünf Tage – wir sind am zweiten Tag angereist. Sie beginnt mit der Verkündung im Dorf, dann folgen Verwandtenbesuche und Rituale, etwa dass die Braut mit Blut und Öl eingerieben wird. Elisabeth und Gideon sind still während der Feier – das gehört dazu. Nach der Hochzeit wird Elisabeth ein Jahr im Dorf ihrer Schwiegereltern verbringen; erst danach dürfen die beiden in ein eigenes Zuhause ziehen.

Mit meiner Freundin konnte ich nicht viel Zeit verbringen – sie war beschäftigt, das hatte sie im Vorfeld gesagt. Dafür haben wir neue Freundschaften geknüpft. Die Reise hat mich geerdet. Wer tagelang mit Sand unter den Füssen lebt, ohne Dusche, ohne Strom, und trotzdem – oder genau deshalb – so herzlich empfangen wird, kehrt anders heim. Ich habe nicht nur eine Hochzeit erlebt. Ich habe gesehen, wie eine Gemeinschaft füreinander da ist, wie Freude kein Büfett und keine Beleuchtung braucht. Und ich weiss: Es war nicht unser letzter Besuch im Ovambodorf. Unser Fasnachtslied wartet schon auf seinen nächsten Auftritt.
Elke Reinauer reist seit zehn Jahren regelmässig nach Namibia wo sie das soziale Projekt Creabuntu gegründet hat. Sie ist Journalistin und Autorin zweier Bücher und schreibt gerade an ihrem dritten Buch, das in Namibia spielt. Mehr Infos zu ihrer Arbeit findet ihr auf ihrer Website: www.autorinelkereinauer.com


